Rückblick

Yarisal & Kublitz. Surfing the web without getting wet

Eröffnung: 16. Juli 2016
Ausstellung: 17. Juli - 04. September 2016

Ronnie Yarisal und Katja Kublitz haben sich zu einer intensiven Forschungsreise ins Internet aufgemacht. Die neuen Zeichen und  thematischen Besonderheiten, auf die sie dort gestoßen sind, verarbeiteten sie anschließend in aufwändigen Skulpturen. Edle Materialien wie Turmalin, Messing und Mahagoni treffen darin auf iPods, Zigaretten, Mercedes-Sterne und Tampons – und wirken dabei so mystisch und auratisch, als stammten sie aus Tempeln längst vergangener Zeit. Äußerst sinnlich reflektieren Yarisal & Kublitz somit auf pointierte und humorvolle Weise unsere visuelle Kultur.

…doch nun: bitte vergessen Sie schnell wieder alles, was wir Ihnen bereits verraten haben – denn Yarisal und Kublitz sollen bei „Surfing the web without getting wet“ nicht als produzierende Künstler gelten, sondern als forschende Wissenschaftler. Als Kulturantropologen, genauer gesagt. Und so beginnt das Projekt nicht erst in den Ausstellungsräumen, in denen man sich plötzlich in ein archäologisches Museum versetzt fühlt, sondern schon mit diesem außergewöhnlichen Pressetext, ganz nach der Idee von Yarisal & Kublitz:

 

Die Kulturanthropologen Yarisal & Kublitz studierten während einer gründlich angelegten Feldforschung von 2012 bis 2016 das Internet. Was sie dabei entdeckten – viele exotische und scheinbar widersprüchliche Phänomene – überraschte und überwältigte sie zugleich. Katja Kublitz, die ihre Arbeitsweise und Methodik als einen experimentellen Zweig der Anthropologie mit besonderem Fokus auf transtemporale Verbindungen beschreibt, erklärte in einem Interview überschwänglich: „Wir alle wissen was da draußen ist, aber die reiche, opulente Intensität und kitschige Vulgarität ist schwer zu fassen.“ In einem frühen Stadium ihrer Recherche entschieden sie sich gegen das intensive Studium eines Themas und dafür, sich vom Netz überall und nirgendwo hintragen zu lassen. Es ist ein Sich-Treiben-Lassen, analog zu der alltäglichen Erfahrung richtungslos durchs Web zu surfen. Die Ziellosigkeit wird zum Prinzip erhoben und gleichzeitig selbst Gegenstand der Feldforschung.

Bei ihrer Rückkehr brachten Yarisal & Kublitz eine Reihe von verblüffenden Artefakten und mysteriöse Zeichen mit, die mit sich widersprechenden Assoziationen überladen sind. Zu ihrem Erstaunen stellten sie fest, dass jedes Artefakt zwei zeitliche Signaturen besitzt – eine historische und eine zeitgenössische, deren präzise Bestimmung von Ort und Zeit in der unendlichen Weite der Internets verloren gegangen ist. Wie in den früheren Recherchen traditioneller Kulturen, die Yarisal & Kublitz vorgenommen hatten, entstammen viele Objekte einem mystischen oder religiösen Kontext, wobei deren genaue Funktion meist unklar ist. Das Internet hat den Objekten mit der Verschiebung in ein Gebiet von ästhetischer „Alterität“ ihre ursprüngliche Herkunft genommen. So wird der anachronistische Mythos von indigener Ursprünglichkeit entblößt und paradoxerweise gleichzeitig wieder und wieder reproduziert. Heute werden diese Artefakte als Kuriositäten und Ausbeute des Kolonialismus dargestellt, als seltene und exotische Souvenirs aus Kulturen, die für immer durch den Fortschritt unserer technologischen Errungenschaften, überall gleichzeitig zu sein und visuell die Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig zu okkupieren, zerstört wurden .

Das Kunstpalais präsentiert ausschließlich zeitgenössische Kunst – und keine Artefakte anthropologischer Forschung. Doch das Team in Erlangen war von den Objekten, die Yarisal & Kublitz auf ihrer Forschungsreise sammelten, so begeistert, dass es entschied, das Museumsprogramm zu erweitern. Gezeigt wird also die unterhaltsame, vielseitige und faszinierende Sammlung von eigenartigen, handgefertigten zeremoniellen Objekten und aufwändigen, mystischen Skulpturen, die Yarisal & Kublitz bei ihrem intensiven Trip durch das Internet bergen konnten.

In ihrer Zusammenstellung offenbaren sie die neue Politik des Ursprungs in einer globalen Netz-Wirtschaft der körperlosen Zeichen und Signifikanten. Die Wissenschaftler hatten erwartet, mit einem Index von immateriellen Objekten zurückzukehren – mit belanglosen Avatare des blinkenden, neonfarbigen Internetmülls. Umso überraschter waren sie, mit einer Reihe handgeschnitzter Artefakte beladen nach Hause zurückzureisen, die in ihrer reichen, dauerhaften Materialität schier überwältigend waren: Relikte aus poliertem Messing, edlem Holz und Edelsteinen – schwere, primitive und in manchen Fällen klassische Talismane der neuen Formensystematik des Netzes.

Die Idee, solch eine kuriose Mischung aus archäologischen Objekten zusammenzustellen, ist heutzutage besonders sinnfällig. Mit dieser Sammlung ermöglichen uns Yarisal & Kublitz, einen unorthodoxen Blick auf das Zufällige und Alltägliche zu werfen und erlauben es, klassische Museumskategorien hinter sich zu lassen. Jetzt, durch das Prisma dieser unerwarteten Objekte, können wir anders auf das Internet sehen und möglicherweise endlich seine undurchsichtigen neuen Arten der Repräsentation fassen, deren eigene verwirrende ‚natürliche Geschichte‘ wie eine immense Aneinanderreihung zwangloser Experimente funktioniert.