Sammlung

Christo

* 13. Juni 1935 in Gabrowo, Bulgarien; lebt in New York City, USA

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Wrapped Coast – Little Bay, Australia, 1969

Beschreibung

Farblithographie auf Karton
Aus der Mappe LANDSCAPE (mit jeweils einer Graphik von Christo, Jan Dibbets, Richard Hamilton und Dennis Oppenheim)
Maße: 33 x 40 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: signiert rechts unten, nummeriert links unten
Exemplar-Nummer: 39/55
Inventar-Nummer: 1001416

 

Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude ist bekannt für seine spektakulären Verhüllungen wie zum Beispiel die des Berliner Reichstags (1995) oder der Bäume im New Yorker Central Park (2005). Die in der Lithographie von 1969 dokumentierte Idee einer verhüllten Küste, Wrapped Coast, Little Bay, Australia wurde noch im gleichen Jahr, mit Unterstützung durch John W. Kaldor, umgesetzt. Zusammen mit 15 professionellen Bergsteigern und 110 Arbeitskräften, zum größten Teil Kunststudenten, wurden die 26 Meter hohen Nordklippen und der südliche Strand der kleinen Bucht in der Nähe von Sydney in 23 Tagen und 17 000 Arbeitsstunden mit 56 Kilometern Seil und 92 900 m2 Sarlon Erosion Controll Mesh, einem strohfarbenen, stark reflektierenden Synthetikstoff, verhüllt. Ein gigantisches Projekt also, nicht nur in Bezug auf den enormen Arbeits- und Materialaufwand, sondern besonders auf Grund des unerwarteten öffentlichen Interesses und Besucherandrangs.1
Mit diesem Wissen betrachtet man die Lithographie anders und sieht den sandfarbenen Stoff, der mit rotem Seil verschnürt ist, nicht mehr nur wie ein Paket. Man kann sich das Aufbauschen des Stoffes durch den Wind vorstellen und die Stimmen der Besucher. Die Schatten unter den Seilen scheinen zu vibrieren, während der Blick hinaus gleitet auf die Wellen des dunkelblauen Meeres und den hellblauen, leicht bewölkten Himmel. Der kleine Ausschnitt des verhüllten Felsstrandes formt sich in der Vorstellung zu einer riesigen Fläche, unter der lose Steine und kleine Höhlen verborgen sind, derweil die hohen Felsen an Imposanz verlieren und nur noch wie leichte Erhebungen wirken.
Verhüllen bedeutet Verstecken, und gerade dann, wenn das Alltägliche zum Geheimnisvollen wird, beginnt man sich dessen bewußt zu werden. Wie sah die Küste wohl vorher aus? Was ist unter dem Stoff verborgen? Christo manipuliert den Raum durch Verhüllen und vermittelt den Besuchern dadurch ein neues Bewußtsein für ihre Umgebung. Die Verpackung als Verhüllung hat, wie der Vorhang im Theater, die Funktion, einen Moment des Nachdenkens zu vermitteln, beziehungsweise, wie im Marketing, einen Gegenstand hervorzuheben. Nicht nur Waren lassen sich in der geeigneten Schale besser verkaufen, auch die Natur rückt in der richtigen Hülle erneut in den Blick. Wo die bloße Gegenwart die Augen nicht mehr zu beeindrucken vermag, weckt die Verhüllung wieder unsere Aufmerksamkeit.
VERONIKA BERGER  

1 Jörg Schellmann; Joséphine Benecke, Christo und Jeanne-Claude. Druckgraphik und Objekte 1963-95, Werkverzeichnis, München (2) 1995, S. 96 f. (WV Nr. 76).

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