Sammlung

Cy Twombly

* 25. April 1928 in Lexington, USA; † 5. Juli 2011 in Rom, Italien

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • 8 Odi de Orazio, 1968

Beschreibung

 Kassette mit 16 Lithographien, verso und recto bedruckt auf acht gefalteten Bögen schwarzen Büttens
Maße: jeweils 39,7 x 29,8 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: signiert auf Blatt 8 rechts unten
Exemplar-Nummer: 45/70
Druck und Verlag: Sergio Tosi, Mailand
Inventar-Nummer: 1001137.1–8
Abbildung: Blatt 4, recto und verso

 

Die Linie ist das Medium, mit dem Cy Twombly in seinen 8 Odi de Orazio kleinste psychische und physische Regungen auf dem Papier festhält.1 In seinen Arbeiten vereint der Künstler kulturelles Wissen, das heißt die Topoi der europäischen Geistesgeschichte, mit Mitteilungen aus seinem persönlichen Innenleben. Seine Linien, Striche und Zeichen sind wie eine Spur, in der die Überlieferung der Vergangenheit nachklingt und auflebt.
Das aus acht schwarzen, wie mit weißer Kreide beschrifteten Blättern bestehende Werk wird zu seiner Schaffensphase der Blackboards (um 1970) gezählt.2 Die Bilder wie auch die Graphiken erinnern an unsauber gewischte Schultafeln. Sie stellen einen Kontrast zu seinen früheren Arbeiten mit weißem Grund dar. Der schwarze, durch die Auswischungen verschleierte Grund der Blackboards läßt an Vergangenheit und längst Geschehenes denken. Von einer zeitlichen Entwicklung zeugen die vielen Durchstreichungen, Verwischungen und Überschreibungen der lateinischen und arabischen Ziffern, die auf verschiedene Textpassagen der römischantiken Poetik des Horaz (Quintus Horatius Flaccus) hinweisen.
Die erste Tafel enthält Angaben des Titels 8 Odi de Orazio, des Entstehungsortes und -datums (Roma 1968) sowie die zweifache, gedruckte Signatur des Künstlers. Schwerer zu deuten ist der Inhalt der zweiten Tafel. Der Eindruck einer doppelseitigen Schultafel wird durch die symmetrische Anordnung von jeweils zwei Zeilen unleserlicher Schrift verstärkt. Es folgen Zickzacklinien auf dem dritten Blatt, auf dem die Zweiteilung wieder aufgehoben ist. Die Linien als Schrift zu identifizieren, ist nahezu unmöglich. Weniger schwierig ist die Deutung der vierten Tafel, die so strukturiert ist wie die Oden selbst: Buch (liber), Ode (lateinische Ziffer) und Vers (arabische Ziffer). Entsprechend zu den drei angedeuteten Versen befinden sich auf der linken Tafelseite in gleicher Höhe Zeichen eines Versmetrums. Ähnlich eingeteilt sind die linke und rechte Seite der fünften Tafel. Die Worte „Carminum liber“ verweisen auf die Zusammenfassung der Oden in Bücher, die Horaz „Carmina“ nannte. Den lateinischen Begriff „liber“ verwendete er alternierend zu dem englischen Wort „book“ und unter der lateinischen Numerierung stehen in Klammern die arabischen Ziffern 1 bis 8. Zwar werden die Angaben der Textstellen deutlicher, bleiben aber trotzdem zu fragmentarisch, um direkte inhaltliche Verbindungen zum Werk des Horaz zu knüpfen. Dies wird vor allem durch die dynamischen Spiralen auf dem sechsten Blatt deutlich. Die an Schreibübungen von Schulkindern erinnernden Linien verteilt Twombly ausladend über beide Tafelhälften und suggeriert damit, die Geste des Schreibens betonend, Bewegung. Das Schriftbild der siebten Tafel setzt sich wieder aus Versmetrum, schriftähnlichen Linien, lateinischen Ziffern und unregelmäßigen Spiralenzeilen zusammen.
Zuletzt blickt der Betrachter auf eine Tafel, die an ein aufgeschlagenes Buch erinnert. Beide Seiten, die rechte mit der arabischen Zahl 6, die linke mit 7 gekennzeichnet, sind mit einigen Zeilen unleserlichen „Gekrakels“ beschrieben. Doch warum endet das Werk mit der Ziffer 7? Bezieht sich Twombly nicht auf acht Oden? Oder schlägt er den Bogen wieder zurück zur ersten Tafel, auf der die Ziffer 8 Teil des Titels ist und schließt damit den Kreis? Ist die 8 nicht das um neunzig Grad gedrehte Zeichen der Unendlichkeit (∞), das man in anderen seiner Werke findet?
Cy Twombly schafft im Sinne Umberto Ecos „offene Kunstwerke“, die den Betrachter nicht zum Rätselraten animieren sollen. Statt dessen möchte er ihn durch die Unleserlichkeit, die Korrekturversuche und Revidierungen sowie die stellenweise unsichere Strichführung anstiften, die vermeintlich sichere Abgeschlossenheit kulturellen Wissens zu befragen.
JARI ORTWIG  

1 Vgl. Heiner Bastian, Cy Twombly. Das graphische Werk von 1953–1984. Catalogue Raisonné of the Printed Graphic Work, München/New York 1984, Wv. Nr. 20, II.
2 Vgl. Jutta Göricke, Cy Twombly. Spurensuche, Aachen 1994, S. 9.

Künstler von A-Z