Sammlung

Georg Herold

* 26. Juli 1947 in Jena; lebt in Köln

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Handke & Fußke, 1989/90

Beschreibung

Mappe mit drei Heliogravüren auf 250 g BFK Rives Bütten
Maße: jeweils 67 x 50 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils signiert und datiert rechts unten, nummeriert links unten
Exemplar-Nummer: 14/15
Druck: Till Verclas, Hamburg
Verlag: Maximilian Verlag, München
Inventar-Nummer: 1002663.1–3

 

Ein Mann versucht einen seiner Füße in den weit aufgerissenen Mund zu führen. Die körperliche Anstrengung ist durch seine Mimik und die Haltung seiner Gliedmaßen zu erkennen. Ein untypisches Motiv für die Kunst, doch das Untypische ist typisch für Georg Herold.
Handke & Fußke, ein Werk, dessen Komponenten spannungsvoll zusammengefügt sind. Strenge geometrische Ordnung wird durch ein fremdartiges Motiv gebrochen und zugleich mit einem Kolorit veredelt, welches dem ersten Empfinden nach in keinem Bezug zur Darstellung und zur Komposition steht. Sechs quadratische Schwarz/Weiß-Photographien, in streng festgelegtem Abstand in zwei Reihen aneinandergelegt, zeigen einen Mann, der den Fuß an den Mund führt. Keine Photographie gleicht der anderen, jedes Bild zeigt eine andere Perspektive derselben Szenerie.
Über diese streng geordnete schwarz-weiße Bilderreihe ist mittig, wie mit einem breiten Handwerkerpinsel, ein kräftiges Himbeerrot in asymmetrischer Linienführung dicht aufgetragen. Zusätzlich hat Herold graffitiartig gelbe und rote Markierungen scheinbar wahllos über die Bildfläche verstreut. Kräftige Farben, strenge Symmetrie und als Motiv ein kaum nachvollziehbares Bemühen.
Doch eben das fremdartige, perspektivisch wechselnde Bild ist das Fesselnde an Herolds Werk. Warum versucht sich jemand in den Fuß zu beißen? Hat Herold sein Motiv in der Welt der Symbole gefunden? Die Darstellung und Bedeutung des Uroboros, der sich in den Schwanz beißenden Schlange, begegnet seit Jahrtausenden in verschiedenen Kulturen. In der altägyptischen Kunst umschließt eine zum Ring geformte Schlange den kindlichen Sonnengott, die chinesische Chou-Dynastie verwendet den Uroboros, um Gefäße zu verzieren, auch die das Erdreich umschlingende Midgardschlange der Germanen gründet auf der weit verbreiteten Symbolik. Die Freimaurer, die Theosophen und auch die Alchimisten benutzen das mystisch aufgeladene Motiv heute noch in ihrer Zeichensprache und ihren Riten. Der Uroboros wird als die Darstellung des Ewigen oder des Ursprungs gedeutet. Der nicht endende Kreis soll die untrennbare Zusammengehörigkeit zweier unterschiedlich scheinender Pole verdeutlichen: Tod und Wiedergeburt.
Bei eingehender Betrachtung stellt man fest, daß Fuß, Arm und Kopf des photographierten Mannes einem Ring oder Kreis ähnlich sind. Der Künstler spielt mit kultureller Symbolik und Stoffen der bildenden Kunst, um fruchtbare Verwirrung zu stiften.
Die Widersprüchlichkeit des Bildes einer sich selbst verzehrenden Person scheint ihm jedoch nicht ausgereicht zu haben. Herold versucht auch über den Bildtitel weitere Bedeutungsebenen zu erschließen. Handke & Fußke läßt im Wortspiel mit dem Namen eines zeitgenössischen Schriftstellers eine gewisse Ironie von Seiten des Künstlers vermuten. Der Dichter Peter Handke wird hier salopp einem sonst namenlosen Widerpart gegenübergestellt. Mit seiner Kombination von Bildmotiv und Titel spielt Herold an auf die Spaltung in Künstler und Körper, aktives Subjekt und menschliches Objekt, wie sie als Erfahrung einer gespaltenen Identität auch in seinen „Ausgewählten Poesiefragmenten“ zum Ausdruck kommt. „Ich komme, weiß nicht woher/ich gehe, weiß nicht wohin.
Ich war/ich weiß nicht/wo/mir war/ich weiß nicht/wie/es war/ich weiß nicht/wann. Ich stelle mir vor, ich wäre dort, wo ich nicht bin. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme, ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Die da wegkönnen, sollen weggehen. Sie sollen nicht gebeten werden, zu bleiben. Bleiben sollen nur, die nicht wegkönnen.“1
ANNA-LENA OTTO  

1 Zit. nach: Kat. der Ausst. Georg Herold. Gekrümmte Poesie, hrsg. v. Rudi Fuchs, Stedelijk Museum Amsterdam 1994, S. 36.

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