Sammlung

Gerhard Altenbourg

* 22. November 1926 in Rödichen-Schnepfental; † 30. Dezember 1989 in Meißen

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Wurzel-Meduse, 1970

Beschreibung

Lithographie auf Bütten
Maße: 27 x 38 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: signiert und datiert rechts unten, nummeriert links unten, betitelt Mitte unten
Exemplar-Nummer: 68/80
Inventar-Nummer: 1001519

 

Medusa galt in der Antike als Schreckensgestalt, deren bloßer Anblick das Gegenüber zu Stein erstarren ließ. Als einzige sterbliche der drei Gorgonenschwestern wurde ihr vom griechischen Sagenheld Perseus mit Hilfe der Athene das schlangenbewehrte Haupt abgeschlagen, woraufhin ihrem Rumpf Pegasus entsprang. Zum Dank schenkte Perseus Athene das
immer noch tödliche Medusenhaupt, das diese seitdem auf ihrem Schild führt.
Während die Medusa in der antiken Kunst als unmenschliches Monster mit fauchender Fratze dargestellt wurde, wandelte sich ihr Erscheinungsbild seit der Renaissance zu einer Frauengestalt, bis sie dann von Caravaggio in der Rolle des Opfers eine völlig neue Bedeutung erhielt. Nicht länger ist Medusa eine mythische Gestalt des Erschreckens, die uns erstarren läßt, der Ausdruck ihres abgeschlagenen Hauptes, der im Tode erstarrten Augen und des zum Schrei geöffneten Mundes vermitteln nun einen anderen Schrecken. Seit Böcklin empfindet man dem kränklichen, blassen Gesicht mit den traurigen, dunklen Augen und den zum letzten Atemzug oder zum stillen Schrei leicht geöffneten Lippen gegenüber eher Mitleid als Furcht. So wurde Medusa im Laufe ihrer Darstellung vom mythischen Ungeheuer zum Sinnbild einer von der Ratio verdrängten, eher bemitleidenswerten Psyche.
Und auch Gerhard Altenbourgs Wurzel-Meduse läßt die ursprüngliche Gestalt nicht mehr erkennen, sondern zeigt ein rundes Gesicht, einer unter Algen treibenden Ophelia gleich. Noch 1969 schrieb er: „Im Schatten aber lauerte die Meduse, das Ungeheuer; rätselvolle Psyche. Rose und Phallus zugleich. Sie war in mir und lauerte über mir. (…) Das sind die Jahre der Gräser und Steinrisse, der Grabungen in den Wildnissen der Psyche: die Stunden der nächtlichen Sonnen. Die Gänge in und unter die Haut, die Verwandlungen, wo aus Blüten Asche sproß und umgekehrt.“1 Hat sich Altenbourg mit dem Schrecken arrangiert, hat er die Wurzeln seines Ichs angenommen? Verborgen vom Wurzelwerk und von diesem gestaltet, ruft Meduse hier keine Furcht mehr hervor, ergreift vielmehr sanft unsere Neugier.
Blickt uns aus dem verworrenen Untergrund unser gespiegeltes Selbst entgegen? Ist sie das gepeinigte Antlitz von Mutter Erde, das uns zu neuer Achtung anregen soll? Sehen wir in ihr den Schrecken des Unbewußten? Etwas Mystisches ergreift uns bei ihrem Anblick, wenn wir sehend in die Intimität des Erdreiches eindringen, das sie geborgen hält. Lebt sie noch, schläft sie oder bilden die Wurzeln ihren Sarg im feuchten Erdreich?
VERONIKA BERGER

1 Gerhard Altenbourg, Narbenrisse beim Durchstreifen jener Hügellandschaft. Autobiographische Notizen, Juni 1969, in: Dieter Brusberg (Hrsg.), Gerhard Altenbourg, Das einsschauende Ausschauen. Köpfe und Szenen 1949 bis 1986, Berlin 1986, S. 5. Anneliese Ströch, Dieter Brusberg (Hrsgg.), Gerhard Altenbourg, Der Gärtner. Eine Monographie in Bildern, Berlin 1996; Andreas Kühne, Gerhard Altenbourg. Abenteuer in der ,Hügel-Klause‘, in: Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, hrsg. v. Lothar Romain und Detlev Bluemler, München 1992.

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