Sammlung

Jörg Immendorff

* 14. Juni 1945 in Bleckede; † 28. Mai 2007 in Düsseldorf

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Die Naht, 1982

Beschreibung

Mappe mit sechs Linolschnitten auf Karton
Maße: jeweils 80 x 61 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils signiert und datiert rechts unten, nummeriert links unten
Exemplar-Nummer: 19/100
Verlag: Maximilian Verlag, München und Jörg Immendorff
Text: A. R. Penck
Inventar-Nummer: 1003615.1–6
Abbildung: Blatt 1 (Ausgangspunkt, Ewiges Andenken)

 

„… die Mauer kann tausend Jahre stehn doch wird ihr Reich zugrunde gehen dann seht ihr sie stehn wie einst zuvor das alte Brandenburger Tor …“ (A. R. Penck, 1982)1  
Jörg Immendorff traf im Jahr 1976 den in Dresden lebenden A. R. Penck. Diese Begegnung führte zu einer Freundschaft und einer intensiven künstlerischen Zusammenarbeit. Ihr Wunsch war, „mit dem ‚deutsch-deutschen Künstlervertrag‘ nicht nur die wechselseitigen Klischees, sondern auch ‚die Mauer zu überwinden‘.“2
In der Mappe Die Naht aus dem Jahr 1982, zu der auch drei Gedichte von A. R. Penck gehören, befaßt sich Immendorff mit dem Thema des geteilten Deutschland, das für ihn seit Ende der 1970er Jahre „zum wohl wichtigsten künstlerischen, politischen und humanistischen Anliegen“ wird.3 Er greift in den Darstellungen Motive aus anderen Werken dieser Zeit auf, beispielsweise aus der Bronzeplastik Naht Brandenburger Tor Weltfrage von 1982/83.
Die sechs Blätter sind in der Technik des Linolschnitts ausgeführt, die Immendorff in seinem druckgraphischen OEuvre häufig nutzte. Das erste und das vierte Blatt der Mappe Naht sind in Gelb auf schwarzem Hintergrund gedruckt, das zweite in einem Ockerton vor bräunlich-rotem Hintergrund, jeweils mit roten Akzenten. Das dritte Blatt ist Rot auf Schwarz, die letzten beiden Blätter Königsblau auf Schwarz, jeweils mit einer weiß hervorgehobenen Stelle.
Die Mappe bezieht sich auf die Bronzeplastik zum Brandenburger Tor. Auf einem Postament, das aus den ausgebreiteten Schwingen eines Adlers besteht, stehen fünf Säulen, links beginnend: eine geschützartige Maschine, ein Grenzwachturm, gebildet aus Soldaten, mit einem darauf sitzenden Paar, das zwischen Turm und Gebälk des Tors eingeklemmt ist, dann die stürzende Quadriga mit Pferden und Wagen und als letztes ein Doppelpfeiler, bestehend aus einem Pinsel, der an einem Adler lehnt, um dessen Hals ein weiterer Pinsel geschlungen ist. Auf dem ersten Blatt der Mappe ist relativ groß die geschützartige Maschine dargestellt. Am rechten Bildrand ist, von oben nach unten, „Ewiges Andenken“ zu lesen. In der linken oberen Ecke des Bildes sind Ährenkranz, Hammer und Zirkel aus der Staatsflagge der DDR zu sehen. Darunter liest man „Ausgangspunkt“. Links von dem Geschützturm steht ein Adlermensch, der eine kleine Gestalt an der Hand hält und diese auf die Maschine hinweist. Zwischen den Stützen des Geschützes scheint ein Buch zu schweben, auf dessen Rücken „Marx“ steht. Die linke Stütze steht auf einem Mao-Porträt, und unter der rechten sind die Spitzen zweier Zwiebeltürme zu sehen, die an den Kreml in Moskau erinnern. Im Zentrum des zweiten Blattes steht der Grenzturm aus Menschen. Auf den anderen Blättern sind Motive wie die Pferde der Quadriga, Hammer und Sichel, der Adler mit dem Pinsel um den Hals oder große Pinsel zu sehen. Auf jedem Blatt befinden sich Begriffe und Bezeichnungen wie „Naht“, „Ausgangspunkt“, „Quadriga“, „Systemklemme“, „BrrrD“, „Säule 2, 3, 4, 5“ oder „Brandenburger Tor“. Immendorff kritisierte die deutsche Teilung, deren spätere Überwindung für ihn sehr wichtig war. Als er Penck kennengelernt hatte, war er noch vom Marxismus wie vom Sozialismus überzeugt, dies sollte sich aber im Lauf der Jahre ändern, als er über die Mauer zu schauen lernte und mit seinem Künstlerfreund eine Zirkulation der Zeichen begann, die NAHT.
VANESSA KROUT  

1 Gedicht in der Mappe Die Naht
2 Beate Reifenscheid, Immendorff – Das druckgrafische Werk, in: Jörg Immendorff. Das grafische Werk, hrsg. von Dirk Geuer und Till Breckner, Düsseldorf 2006, S. 15.
3 a. a. O., S. 16

Künstler von A-Z