Sammlung

Karl Otto Götz

* 22. Februar 1914 in Aachen; lebt in Niederbreitenbach-Wolfenacker

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Variationen, 1995

Beschreibung

Mappe mit elf Original-Lithographien und einer kompletten Skala Bosso, bestehend aus fünf Exemplaren auf Fabriano Büttenkarton, Color Glanzkarton metallic und Photokarton handgewalzt
Maße: jeweils 38 x 30 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils signiert rechts unten, betitelt und datiert Mitte unten, nummeriert links unten
Exemplar-Nummer: 22/25
Druck: Steindruckerei Manfred Hügelow, Offenbach/Main
Herausgeber: Editon Manfred Hügelow, Offenbach/Main
Text: Christoph Zuschlag
Inventar-Nummer: 1002705.1–11

 

Karl Otto Götz’ kraftvoll geschwungene Farbschleifen erinnern an Naturphänomene: Wie in einer Welle oder einem Blitz entlädt sich in seinem malerischen Werk Energie auf die Leinwand. Die äußere Form ist stets vorgegeben, so wie wir das Erscheinungsbild einer Welle oder eines Blitzes in unserer Vorstellung kennen. Für Götz ist diese Formvorgabe die Bildidee, analog zum Naturgesetz. Die Artikulation der Idee aber ist jedes Mal individuell, sie wird geprägt vom subjektiven Ausdruck des Künstlers im Moment der spontanen Umsetzung. Dieses Paradox von Planung und Zufall ist bestimmender Faktor für sein Werk. Deutlich wird es anhand eines komplizierten, in mehreren Einzelschritten durchgeführten Arbeitsvorgangs, den er selbst folgendermaßen beschreibt: zuerst wird eine Folge von 20 bis 50 kleinen Skizzen gefertigt, jede in der Größe einer Streichholzschachtel, aus denen Götz schließlich nur eine einzige auswählt, denn: „Neue Bildideen kommen mir nicht alle Tage in den Kopf, die Entwicklung und Ausarbeitung einer Idee zieht sich meist über mehrere Monate oder gar Jahre hin.“1 Die gewählte Skizze „lernt“ er nach eigenen Worten „auswendig“ und malt danach eine Folge von ca. 10–15 Gouachen, die das Thema variieren. Als Ausarbeitung der Bildidee sind sie wiederum die Grundlage für das große Bild.
Das ist ein Schaffen aus dem Gegensatz heraus: Dem blitzschnellen Malakt liegt ein langwieriger künstlerischer Prozeß der Bildfindung zugrunde. Mit Pinsel und Rakel – einem Holzstück, an dem in der Art eines Fensterwischers eine Gummilippe befestigt ist – verschiebt Götz die Farbe auf dem Bildträger in schnellen Bewegungen. Die Malgeschwindigkeit bleibt als „Energieabdruck“ im Bild sichtbar. Der gestische Automatismus, hervorgerufen durch die Schnelligkeit des Vorgangs, ist für ihn „höchste Steigerung des subjektiven Ausdrucks (…), um dadurch die Grenzen der eigenen subjektiven Vorstellung zu sprengen.“ Durch diese spezielle künstlerische Verfahrensweise, die im Sinne der informellen Malerei das Unbewußte gezielt in den Schaffensprozeß einbindet, soll der magische Augenblick im Werk festgehalten werden. Götz befindet sich „auf der Suche nach dem poetischen Ausdruck im Bild“3, indem er den Verstand überlistet.
Das ihnen eigene Schaffensprinzip, eine gefundene Bildidee durch die Veränderung der Materialien und damit der Drucktechnik zu modifizieren, tragen die Variationen bereits im Titel. Die Skala Bosso des vorliegenden Mappenwerks stellt insofern eine Besonderheit dar, als hier nicht willkürlich, sondern streng aufeinander aufbauend variiert wird.
Die dreifarbige Lithographie ist in fünf Blättern als komplette Skala gedruckt, da für jede Farbe eine eigene Lithoplatte benötigt wird. Dabei ist die Reihenfolge festgelegt: zuerst Ultramarinblau und Türkisgrün einzeln, dann im Zusammenspiel, dem folgt Schwarz einzeln und schließlich der Zusammendruck aller Steine.4
Wozu dieser technische Aufwand? Varietas delectat? Es ist weit mehr als das. Mit Bosso wird die Entstehung eines Bildes chronologisch dokumentiert. Das Endergebnis wächst gleichsam organisch aus seinen einzelnen farbigen Komponenten zusammen. Wie Kraftströme greifen die Farbwellen ineinander und präsentieren in ihrer Verflechtung die wechselseitige Beziehung von Licht und Schatten, Bewußtem und Unbewußtem, immer wieder neu. Gerade dieses Ringen um den eigenen Ausdruck des Daseins macht Götz’ Kunst interessant, denn es gelingt ihm, die Energie dauerhaft ins Bild zu bannen, sie für den Betrachter sichtbar, ja spürbar zu machen. In dieser Vergewisserung der elementarsten Geste der Malerei, frei vom Inhalt jeder Darstellung, sucht Götz wie viele seiner deutschen Künstlerkollegen nach dem Nationalsozialismus einen neuen künstlerischen Anfang.
CORALIE RIPPL  

1 Karl Otto Götz, Zu meinen Gouachen. Faltblatt der Galerie Untersberger, Köln 1977, zit. nach: Ursula Geiger, Die Maler der Quadriga und ihre Stellung im Informel, Nürnberg 1990, S. 172.
2 Karl Otto Götz, zit. nach ebd., S. 98.
3 Ebd.
4 Vgl. Christoph Zuschlag, Variation als Prinzip. Gedanken zur Mappe „Variationen“ von Karl Otto Götz, in: Karl Otto Götz, Variationen, hrsg. v. Manfred Hügelow. Offenbach/Main 1995, S. 1–7, S. 2.

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