Sammlung

Max Bill

* 22. Dezember 1908 in Winterthur, Schweiz; † 9. Dezember 1994 in Berlin

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • 16 Constellations, 1974

Beschreibung

Mappe mit 16 Lithographien auf Bütten
Maße: jeweils 50,5 x 36 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: signiert rechts unten, nummeriert links unten
Exemplar-Nummer: 49/125
Druck: Fernand Mourlot, Paris
Herausgeber: Société internationale d’art XXème siècle, Paris
Text: Max Bill
Inventar-Nummer: 1000173.1–16

 

Der Begriff „Konstellation“ bezeichnet die von der Erde aus gesehene Winkelstellung der Sonne zum Mond oder zu anderen Planeten. Als besondere Konstellationen werden die Konjunktion, die Opposition, die Quadratur, der Trigonalschein und der Sextilschein unterschieden. Max Bill nimmt sie zum Anlaß für seine eigenen „Konstellationen“ von „drei gleich lange(n) kreislinien. es sind dies: ein kreis, ein halbkreis, ein viertelkreis.“1
Die 16 Lithographien variieren das Thema der drei gleich langen Kreislinien in deren Anordnung und den Farben des Untergrundes. Die Kreislinie bildet jeweils das Zentrum. Die Linien der Halb- und Viertelkreise sollen von einem Punkt ausgehen, sich aber nicht an ihrem Ausgangspunkt berühren, um die Liniengruppe deutlich zu machen. Sie sind in einem rechtwinkligen System angeordnet, ihre Positionen verändern sich jeweils um 90° oder ein Vielfaches davon. Überschneidungen sind nicht erlaubt und Wiederholungen derselben Konstellation als Spiegelung werden ausgeschlossen. Die Linie des Halbkreises bleibt zunächst in ihrer beschriebenen Position, die Linie des Viertelkreises verändert sich, bis alle möglichen Konstellationen durchgeführt sind. Dann kommt die Halbkreislinie in eine neue Stellung und die des Viertelkreises dreht sich wieder vom Zentrum aus. Dies wiederholt sich ein drittes Mal.2 Die Farben der Blätter entsprechen der Folge eines 16-teiligen Farbkreises.
In den Bildern entsteht, je nach Lage der Bildelemente und der Farbe des Untergrunds, eine unterschiedliche Dynamik. Vor den Augen des Betrachters wird ein Prozeß in Gang gesetzt, dessen Erkenntnis über genaues Beobachten und verstandesmäßiges Erfassen gelingen kann. Das System für das zugrunde liegende Thema geht laut Mappentext zurück auf ein Bild des Künstlers aus dem Jahr 1944. Anhand von drei farbigen Kreisbögen stellte Bill damals Untersuchungen über Farbvibrationen an den Rändern von Farbflächen an. 1935–38 hatte er seine „fünfzehn variationen über ein thema“ in Paris veröffentlicht. Nach Aussagen Bills sei es zwar möglich, die Werke zu lieben, ohne sie verstanden zu haben, der volle Genuß komme aber erst beim Verstehen ihrer Modalitäten.
Bill wollte die Erscheinung eines Kunstwerks von seinen Elementen her systematisieren und perfektionieren. In Texten bemühte er sich um eine Theorie der „mathematischen Denkweise in der Kunst“. Was aber ist der künstlerische Sinn und Nutzen angewandter mathematischer Operationen? Der Widerspruch zwischen theoretischem Ansatz und künstlerischem Ausdruck löst sich mit dem Kernsatz der mathematischen Denkweise auf. In ihm wird Geometrie nicht als Zwang verstanden, der dem Künstler Unterwerfung abverlangt, sie liefert ihm vielmehr das Material, in dem er seine Absichten realisiert. Ein Gedanke wird so in eine Form gebracht und direkt wahrnehmbare Information.
Die Kunstform, in der die bildnerischen Elemente weder als Abbild der Natur noch symbolisch gemeint sind, sondern in einem Wechselspiel von Formen nur sich selbst bedeuten,geht zurück auf eine Bezeichnung des holländischen De-Stijl-Vertreters Theo van Doesburg.
Dieser hielt bereits in den 20er Jahren fest: „Nichts ist konkreter als eine Linie, eine Farbe, eine Oberfläche.“ Diesen Ansatz entwickelte Bill weiter und formulierte 1936 programmatisch: „konkrete kunst ist in ihrer eigenart selbständig. sie ist der ausdruck des menschlichen geistes, für den menschlichen geist bestimmt, und sie sei von jener schärfe, eindeutigkeit und vollkommenheit, wie dies von werken des menschlichen geistes erwartet werden muss.“
So sind die 16 constellations der geschlossenen und offenen Kreise auch metaphorisch zu deuten als Sinnbild des Menschen zwischen Identität und Transformation, Einheit und Vielheit oder auch Kontemplation und Aktion.
SVEN KÜNZEL  

1 Max Bill, 16 constellations. Mappentext, Paris 1974.
2 Ebd.
     

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