Sammlung

Richard Hamilton

* 24. Februar 1922 in London, Großbritannien; † 13. September 2011 in London, Großbritannien

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Sunrise, 1974

Beschreibung

Lichtdruck auf Karton
Aus der Mappe LANDSCAPE (mit jeweils einer Graphik von Christo, Jan Dibbets, Richard Hamilton und Dennis Oppenheim)
Maße: 33 x 40 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: signiert und nummeriert rechts unten, betitelt links unten
Exemplar-Nummer: 39/55
Verlag: Edition Schellmann und Klüser, München
Inventar-Nummer: 1001416

 

Auf den ersten Blick erfüllt Richard Hamiltons Sunrise unter den vier verschiedenen Umsetzungen des Themas Landschaft in der gleichnamigen Mappe am ehesten die konventionellen Erwartungen an diese Gattung der Kunst. In zarten Pastelltönen ist ein Sonnenaufgang am Meer dargestellt. Küste und Vegetation im Vordergrund sind in erdigen Farbtönen von Hell- bis Dunkelbraun gehalten, während Meer und Himmel in feinen Abstufungen von Gelb, Orange, Altrosa und Violettönen einen Sonnenaufgang widerspiegeln. Man fühlt sich an Maler wie William Turner oder Caspar David Friedrich erinnert, aber auch an Kitsch-Bilder. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die Provokation, die von diesem Bild ausgeht: das sanft geschwungene Objekt im Vordergrund entpuppt sich als „gigantische(r ) Scheißhaufen.“1
Hamilton hat hier sein 1974 entstandenes, gleichnamiges Pastell in einen Lichtdruck übertragen, allerdings schnitt er rechts und links Streifen ab, was den Kothaufen noch mehr betont. Lichtdruck ist eine traditionelle, fast vergessene Reproduktionstechnik, die es dem Künstler erlaubt, auf Filmen und Negativen zu arbeiten, die auf eine lichtempfindlich gemachte Gelatineschicht als Druckform übertragen werden. Hamilton bevorzugt diese Technik wegen der hohen Qualität der erzielbaren Nuancen.
Als Vorbild für die Darstellung der Landschaft mit Sonnenaufgang diente ihm eine Postkarte, die den kleinen Ort Cadaqués, den Wohnort Salvador Dalís, wiedergibt. „Der riesige Scheißhaufen, (…) bedeckt die Kirche, ein zentrales Kennzeichen der kleinen Stadt.“ Den Tabubruch, Kirche und Exkremente in einem Atemzug zu nennen, begeht auch Carl Gustav Jung, der Begründer der Analytischen Psychologie, in Erinnerungen, Träume, Gedanken (1962). Hamilton bezieht sich ausdrücklich auf ihn, indem er Jung zitiert: „Ich fasste allen Mut zusammen, wie wenn ich in das Höllenfeuer zu springen hatte und ließ den Gedanken kommen: Vor meinen Augen stand das schöne Münster, darüber der blaue Himmel, Gott sitzt auf goldenem Thron, hoch über der Welt, und unter dem Thron fällt ein ungeheures Exkrement auf das neue bunte Kirchendach, zerschmettert es und bricht die Kirchenwände auseinander.“2Hamilton führt vor, wie stark der Mensch von unbewußten Komplexen beherrscht wird, wie überkommene Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken und Erinnerungen ständig wirksam sind: Die Gefühle von Empörung und Erschrecken angesichts dieser Provokation beruhen auf unserer Kulturgeschichte.
Fäkalien in einer romantischen Landschaft können aber auch ein Fingerzeig auf die zunehmende Umweltverschmutzung sein, die zur Entstehungszeit dieses Lichtdruckes in das Bewußtsein der Allgemeinheit vordrang. Rückblickend erkennt Hamilton 1991 für sich persönlich einen tiefen Einschnitt im Jahr 1973 und in der Ölkrise, als sich radikale Veränderungen in der Welt ankündigten. Nach einem Gespräch mit der Witwe George Orwells über seine ebenfalls mit Kot versehenen „Blumenstücke“, kam er zu dem Schluß, daß „gerade Scheiße und Blumen das Leben sehr schön zusammenfassen.“3
TINA KAISER  

1 Kat. der Ausst. Richard Hamilton. Druckgraphik und Multiples 1939–2002, Kunstmuseum Winterthur, Düsseldorf 2002, S. 154.
2 Ebd.
3 Zit. nach: Kat. Winterthur 2002, S. 12.

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