Sammlung

Sigmar Polke

* 13. Februar 1941 in Oels (Oleśnica), Polen; † 10. Juni 2010 in Köln

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Kölner Bettler I–IV, 1972

Beschreibung

Vier Offsetdrucke auf Schoeller-Turm-Karton
Maße: jeweils 43 x 61 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils signiert rechts unten, nummeriert links unten
Exemplar-Nummer: 69/100
Druck: Steidl, Göttingen
Verlag: Edition Staeck, Heidelberg
Inventar-Nummer: 1002538.1–4

 

Man nimmt sie selten bewußt wahr, doch sie sind ständig um uns: die Obdachlosen und Bettler, die gebrochenen Gestalten vom Rande der Gesellschaft. Sigmar Polke hat das Leben dieser Menschen bei Streifzügen durch das Köln der 1970er Jahre photographisch aufgenommen. Selbst nach mehr als 30 Jahren haben die Bilder nicht an Aktualität eingebüßt – sind im Gegenteil heute noch signifikanter und bezeichnender für die Fußgängerzonen unserer Städte und die stetig wachsende Armut in Deutschland.
Die Serie1 ist für Polke ein Versuch, Bruchteile aus dem Alltag der Obdachlosen aufzuzeigen. Vordergründige Stilmittel sind bissige Ironie und Zynismus – besonders in Bezug auf die Motivwahl. Der erste Druck stellt zwei musizierende Bettler dar – der eine Gitarre spielend und dazu singend, während der zweite einen Becher zum Sammeln der Spenden bereithält. Das Hintersinnige dieser Darstellung ist, daß beide einbeinig und von Krücken gestützt, ausgerechnet vor einem Schuhgeschäft stehen. Auf dem zweiten Druck ist ein auf dem Boden sitzender Mann zu sehen, der seinen Kopf am Schaufenster eines Modegeschäftes anlehnt. Die edlen Stoffe in der Auslage stehen im Kontrast zu seinem trostlosen Dasein. Er kauert neben einem ihn überragenden Müllbehälter mit den Aufschriften: „Der saubere Weg“ und „Bitte hier“.
Den verblichenen Schwarz/Weiß-Photographien haftet aufgrund zahlreicher „Fehler“ der Bildqualität – wie etwa feiner weißer Linien und Punkte – etwas Nostalgisches an, das sie zu Relikten längst vergangener Tage zu machen scheint. Der Eindruck steigert sich noch aufgrund eines bizarren wolkenartigen Flecks, der sich wie ein Geschwür in die Szenerie der Obdachlosen frißt. Es ist symptomatisch für Polkes photographisches Werk, daß die Aufnahmen während des Entwicklungsvorganges „manipuliert“ werden. Dabei provoziert er vor allem jene Vorgänge, die sonst als Fehler vermieden werden. In der Dunkelkammer wird der Künstler zum Alchimisten, experimentiert spielerisch mit überalterter Entwicklerlösung, Fixierbädern und anderen Chemikalien, sabotiert den Belichtungsvorgang, erzeugt Verwischungen und Unschärfen. Das Motiv wird dabei nicht zweitrangig, sondern erhält eine neue Bedeutungsebene und Intensität.2
Im dritten und vierten Blatt der Serie steht für Polke das Spiel mit den Bildkontrasten im Mittelpunkt und die Frage, wie sich durch Solarisation der Inhalt verändern kann. Dieser Effekt ist ein Stilmittel der Photographie, bei dem das Negativ partiell oder ganz überbelichtet wird. Die Bildinformationen vermindern sich und die Tonwerte kehren sich teilweise um.
Das dritte Blatt zeigt einen blinden Bettler (zu erkennen an der gepunkteten Armbinde), der inmitten einer belebten Fußgängerpassage an einem Mülleimer lehnt. Sein Hund, der ihm Gesellschaft leistet, wurde wie auch die restliche untere Bildhälfte und Partien im oberen Bereich, vollständig von dem Solarisations-Effekt erfaßt. Die kontrastreichen Negativ-Flecken erzeugen eine die Komposition zersetzende Spannung, in welcher der Bettler als einziger Protagonist real zu sein scheint. Die Welt, die ihn umgibt, ist nicht die seine. Im vierten Blatt der Serie experimentiert Polke noch radikaler mit den Möglichkeiten der Solarisation, indem er die Photographie vollständig überbelichtet. Das Dargestellte gleicht einer Inszenierung: Zu sehen ist ein auf dem Asphalt kniender Mann, der Violine spielt und dem Betrachter den Rücken zuwendet. Einige Meter entfernt steht eine beobachtende, dicht gedrängte Menschenmenge. Die Überbelichtung hat den Zuschauern ihre Gesichter geraubt. So werden sie zu einer bedrohlichen Barriere und für den Bettler zu einem unüberwindbaren Hindernis. Zwar ist den „Kölner Bettlern“ auf Polkes Blättern der Weg in die Gesellschaft versperrt, doch der eigene Blick für die „Straße“ ist durch sie sensibilisiert.
SUSANNE HÜTTER  

1 Jürgen Becker und Claus von der Osten (Hrsg.), Sigmar Polke. Die Editionen 1963–2000. Catalogue Raisonné, Ostfildern-Ruit 2000, Kat. Nr. 24.
2 Kat. der Ausst. Sigmar Polke – Fotografien, hrsg. v. Jochen Poetter, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 1990, S. 40.

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