Sammlung

Walter Stöhrer

* 15. Januar 1937 in Stuttgart; † 10. April 2000 in Scholderup

Werke in der Städtischen Sammlung Erlangen

  • Horror Trip, 1969

Beschreibung

Kassette mit 14 Radierungen auf Bütten
Maße: jeweils 76 x 65 cm
Signatur, Datierung, Nummerierung: jeweils signiert und datiert rechts unten, nummeriert links unten
Exemplar-Nummer: 19/25
Druck: Walter Stöhrer und Schneider Verlag: manus presse, Stuttgart
Inventar-Nummer: 1001184.1-14

 

Schon beim ersten Betrachten der Radierfolge wird deutlich: Der Name ist Programm. Schriftzüge, lange, sich windende Linien und dunkle Flächen, sonderbare Wesen, sollen einen Exzeß, Angst- und Panikgefühle oder einen Drogenrausch veranschaulichen. Der Blick auf das Geschriebene, das von unleserlichen, zittrigen und gespiegelten kursiven Worten bis zu einer archaisch wirkenden und kaum entzifferbaren Versalschrift reicht, läßt den Betrachter glauben, er könne in ihm einen Schlüssel zum besseren Verständnis des Horror Trips finden. Es wird jedoch bald klar, daß man nicht mehr als bloße Satzfragmente erkennen kann, da sinnstiftende Sequenzen unter dicht gedrängten Linien- und Flächenstrukturen verschwinden oder mit ihnen verschmelzen und sich den Augen entziehen.
Entzifferbare Wörter wie „MASKE" oder „POUPÉE" (frz. Puppe) deuten auf Walter Stöhrers figuratives Alphabet hin, und so findet die Sprache ihr Äquivalent in den Figuren.1 Die anthropomorphen Wesen mit riesigen Genitalien, Kopffüßler, Beine ohne Körper, Köpfe mit großen Augen und Flügeln und viele weitere Gestalten, die sich scheinbar zu einem Reigen versammelt haben, fallen sofort ins Auge. Verrenkt, teilweise von geometrischen Flächen eingezwängt, teilweise aus Flächen ausbrechend und mit dem wilden, nervösen Linienspiel korrespondierend, erzielen diese Figuren den orgiastischen und gleichzeitig angsterfüllten Effekt des Horror Trips.
Walter Stöhrers Werke lassen sich nur schwer in eine bestimmte Stilrichtung des 20. Jahrhunderts einordnen. Gewiß treffen Adjektive wie informell, abstrakt, expressiv-linear und figurativ-skriptural zu, doch einer allgemeinen Kategorisierung entzieht sich Stöhrers Werk.2 So läßt man den Künstler sprechen und verwendet sein selbstentwickeltes Begriffspaar „intrapsychischer Realismus", das einen „scharfen Gegensatz zu einem politischen Realismus Berliner Prägung in der Nachfolge eines John Heartfield"3 markiert. Vielleicht ist es genau der Gegensatz zwischen Eindeutigkeiten und Mutmaßungen, gesicherter Person und Fragen aufwerfendem Œuvre, der Stöhrer zu einem „rebellischen Einzelgänger (...) der deutschen Kunst"4 werden ließ, dessen Werke den Exzeß zelebrieren und den Betrachter zu immer wieder neuen Fragen provozieren.
ALEXANDER RACZ  

1 Vgl. Annette Meyer zu Eisen, Klaus Dethloff, Walter Stöhrer. Werkverzeichnis der Druckgraphik. Bd. 2, Radierungen 1967-2000, Berlin 2006.
2 Vgl. Christiane Vielhaber, Das Spiel von der Einverleibung, in: Walter Stöhrer. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, hrsg. v. Lothar Romain und Detlef Bluemler, München 1996, S. 3.
3 Ebd., S. 11, Anmerkung 12.
4 http://walter-stoehrer-stiftung.kulturnetz-sh.de/ (29. Dezember 2006).

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